Varanasi und die Toten

Varanasi, Benares, Kashi, Stadt des Lichts, die heilige Stadt. Wer als gläubiger Hindu hier stirbt, kann moksha erlangen, die ersehnte Befreiung aus dem Kreislauf von Wiedergeburt und Tod. Die Lebenden kommen, um sich im Ganges von ihren Sünden rein zu waschen und ihre Toten zu verbrennen. Die Zeremonien finden in aller Öffentlichkeit am Flussufer statt. Es gibt Uferabschnitte (Ghats) zum Baden und für die Verbrennungen.
Die Toten werden auf Bambustragen, gehüllt in glänzendes Tuch, zum Ganges getragen und vor der Einäscherung noch einmal in den heiligen Fluss getaucht. Der Preis für die Einäscherung richtet sich nach der benötigten Menge und Sorte des benutzten Feuerholzes, das sorgfältig gewogen wird. Im Krematorium kostet die Verbrennung ca. 1/10 der Summe, die eine feierliche Ganges – Zeremonie kostet und die Verbrennung dauert drei Stunden. Der junge Mann, mit dem ich spreche, ist aus seiner Familie in siebter Generation als Bestatter tätig.
Die Gebäude direkt am Ufer sind Gästehäuser, Tempel oder Hospize.
Doch es gibt auch Menschen, die nicht verbrannt werden dürfen. Sie werden mit Textil umwickelt, mit Steinen beschwert und in der Mitte des Flusses versenkt. Schwangere Frauen, weil das Baby noch geboren werden muss und Kinder unter 7 Jahren, die noch kein Leben hatten. Menschen mit Behinderung, damit sie eine Chance auf ein besseres Leben haben im nächsten. Bei Tod durch Schlangenbiss, weil eine schlimme Tat durch Gott Shiva, den Zerstörer, bestraft wurde. Das Karma dieser Tat muss in einem nächsten Leben getilgt werden. Sadhus brauchen für den Weg der Erleuchtung mehrere Leben Zeit, weil eines zu kurz ist. Und auch die heiligen Kühe werden versenkt statt verbrannt. Varanasi hat 1,4 Millionen Einwohner und ist eine der ältesten bewohnten Städte der Welt. Die Gassen der Altstadt sind so schmal, das selbst Tuktuks passen müssen. Mopeds, Lastenkarren und Fahrräder aber drängen sich mit den Fußgängern in den  Gassen, die maximal Armspannbreite haben. Wir lassen uns treiben, laufen das heilige Ufer entlang und biegen um jede Ecke.

Veröffentlicht von

Anke Rettkowski

Ein sehr guter Jahrgang :)

3 Gedanken zu „Varanasi und die Toten“

  1. Hallo Anke. Diese Eindrücke werden Dich ein Leben lang begleiten.
    Voller Neugier und Sehnsucht nach diesem Teil Indiens bin ich auf jede Zeile darüber, die Du in Worte fasst, sehr gespannt. Du schreibst sooo schön.
    Danke

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