Ahimsa, der Nachbar und ich

Es gibt ja Menschen, die braucht keiner. Da hilft nur eins auf die Glocke, besser zwei.

Ahimsa, yogisches Gebot, das erste der fünf Yamas, der erste Schritt auf dem ewig langen Yogapfad des Gelehrten Patanjali. Der, irgendwann vor oder nach (so genau weiß man das nicht, man spricht über 500 Jahre Differenz) Christus schon schmetterte: Gewaltlosigkeit! In Sprache, Absicht, Gedanken und Tat. Der Umgang mit den Anderen will wohl überlegt sein. Das klingt schön.
Patanjali hatte definitiv MEINEN Nachbarn NICHT. Oder er war nicht nur gelehrt und weise, sondern heilig und Gott gleich.
Bei Patanjali weiß man auch gar nicht genau, ob es einer war, der schrieb oder viele, die jeder für sich jede Menge auf der Pfanne hatten. Der Zeitraum legt es nahe, letzteres zu vermuten. Mein Nachbar auch.

Es gibt sie wirklich:
Bösartige, dumme bauernschlaue Bekloppte ohne Hirn, Arschloch durch und durch. Tragisch. Die größere Tragödie ist, er kreuzt mein Leben täglich, bewohnt eine Wohnung im selben Hause. Wäre er mir fremd, er täte mir leid. So eine hohle Blitzbirne kann man als Mensch gar nicht sein, eine Gehirnzelle geht immer. Dieser Mensch ist einer, der meine schlechtesten Seiten zum Klingen bringt. Gibt es wirklich den Russen, der auf Zuruf Knochen bricht, her damit.


Im Yoga ist jeder Mensch ein Spiegel, zumindest eine Aufgabe. Himmel hilf. Was habe ich verbrochen in einem früheren oder diesem Leben, versprochen, ich tue es nie wieder.

Nichts füllt seinen Tag.
Kein Nachbar mag ihn leiden. Es gibt keine Freunde, nicht einmal Bekannte, die Menschen meiden ihn, keine Aufgabe, keinen Menschen, der ihn liebt, Eigelb klebt in seinem Bart. Seine Familie schreit er täglich mehrmals so laut an, dass alle was davon haben, auch das Haus über die Kreuzung hinweg. Das Niveau möchtet Ihr nicht wissen.
Er beschäftigt sie alle. Polizei, Ordnungsamt, Anwälte, den weißen Ring und Advokat, des Anwalts Liebling. Er wird immer schlecht behandelt und kennt nur eine Mission, Rache. An Allen, Allem, Jedem. Ja, hallo, aber lass mich doch in Ruhe, Du bescheuerte Blitzbirne.

Und ich lerne: Ahimsa, das aller- allererste Gebot eines Yogis. Das Wichtigste, die Voraussetzung, sonst stünde es nicht an erster Stelle. Ich scheitere. Kläglich, kleinlich. Und ich fühle mich nicht einmal schlecht dabei. Sondern im Recht und noch besser, noch schrecklicher, Knochen möchte ich knirschen hören, ihn zur Strecke bringen, das Maul stopfen, ihm seine -und meine- Grenzen aufzeigen. Und ja, ich wäre gar fähig zu Häme, wenn ich über ein ihm widerfahrendes Unglück hörte.
Ich bin kein schlechter Mensch. Offenbar jedoch auch kein viel besserer…als mein bekloppter Nachbar. Zu meiner Ehrenrettung: lieber mach ich mir einen schönen Tag als einen Termin beim Anwalt. Wikipedia macht mir Hoffnung. Dort ist die Definition von Ahimsa: eine Verhaltensregel, die das Töten von Lebewesen untersagt oder auf EIN UNUMGÄNGLICHES MINIMUM beschränkt. Ich wetze die Messer und schäme mich.

Alle Charaktere in dieser Glosse sind natürlich frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlich lebenden Personen ist rein zufällig. Das Thema ist Ahimsa, Yoga und die Anke. Und die lernt heute: Erleuchtung ist in diesem Leben unerreichbar.

copyright by petra hachmann.

5 Gedanken zu „Ahimsa, der Nachbar und ich“

  1. Ich finde es wirklich bemerkenswert, deine Welt und die des Yoga so schön miteinander zu verschmelzen… Bin wie immer gerne dabei… Umärmel Petra

  2. Ganz fett drüber ablästern hilft auch. Zeitweilig. Und man kann seiner Phantasie freien Lauf lassen. Immer wieder aufs Neue. …

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